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ENSI Erfahrungs- und Forschungsbericht 2011
47
1.3.6 SMART-2008 – Erdbebenbe-
rechnung von Stahlbetonbau-
werken von Kernkraftwerken
Auftragnehmer: Basler & Hofmann AG, Ingeni-
eure, Planer und Berater, Zürich
ENSI-Projektbegleiter: Urs Bumann
Einleitung
Für die Erdbebenberechnung von Stahlbetonbau-
werken von Kernkraftwerken haben sich die Me-
thoden, Rechenprogramme und verfügbaren
Rechnerleistungen in den letzten Jahren stark wei-
terentwickelt. Die Finite-Elemente-Modelle und
-Programme erlauben heute eine detaillierte Simu-
lation des räumlichen und des nichtlinearen Ver-
haltens von Stahlbetonbauwerken und Aussagen
über die Tragreserven bis zum Versagen.
Das Commissariat à l'Energie Atomique CEA hat in
Zusammenarbeit mit der Electricité de France EDF
die Vergleichsstudie SMART-2008 initiiert. SMART
steht für Seismic design and best-estimate Me-
thods Assessment for Reinforced concrete buil-
dings subjected to Torsion and non-linear effects.
Im Mittelpunkt des Programms stehen Rütteltisch-
versuche auf dem AZALEE-Rütteltisch der CEA in
Saclay bei Paris. Ein typisches 3-stöckiges Stahlbe-
tonbauwerk mit asymmetrischer Tragstruktur im
Modellmassstab 1:4 wurde auf dem Rütteltisch
unter Erdbebenanregungen untersucht. Die Ver-
suche liefern die Vergleichsdaten für die vorausge-
henden und anschliessenden Modellrechnungen
mit linearen und nichtlinearen Methoden. Am Pro-
gramm beteiligen sich über 30 Expertenteams aus
zahlreichen Ländern.
In einer ersten Phase (2007–2009) wurden als
Wettbewerb Vorausrechnungen durchgeführt. Es
wurden die Bauwerksschwingungen und die Eta-
genantwortspektren mit unterschiedlichen Me-
thoden berechnet, diese untereinander und mit
den Versuchsresultaten verglichen und damit die
Möglichkeiten und Grenzen der Berechnungsme-
thoden aufgezeigt. In einer zweiten Phase (2009–
2010) wurden die Modelle und Methoden auf-
grund der Vergleiche verfeinert und Berechnungen
bis zum Tragwerksversagen durchgeführt, mit Fo-
kus auf die Einflüsse der Unsicherheiten in der An-
regung und in den Modellparametern. Unter Be-
rücksichtigung dieser Unsicherheiten, durch Vari-
ation von Modellparametern, sind Verletzlichkeits-
kurven (Fragilities) berechnet worden. Balser &
Hofmann dokumentierte die Arbeiten und Ergeb-
nisse der Phasen eins und zwei in zwei separaten
Schlussberichten. Der Schlussbericht für die Phase
eins wurde im September 2009, für die Phase zwei
im Dezember 2010 fertig gestellt.
Projektziele des Berichtsjahres
und wichtige Ergebnisse
Vom 15. bis 17. Dezember 2010 fand in Saclay (FR)
der abschliessende Workshop für die Phase zwei
des Projekts SMART 2008 statt. Die Expertenteams
präsentierten die Ergebnisse ihrer Verletzlichkeits-
studien (Fragility-Analysen), die Projektinitianten
CEA und EDF präsentierten erste vergleichende
Auswertungen dieser Ergebnisse. Von den ur-
sprünglich 30 Teams haben nur noch 10 Teams Ver-
letzlichkeitsstudien durchgeführt, wobei nicht alle
dieser 10 Teams sämtliche geforderten Resultate
geliefert haben. Pro Team wurden insgesamt 15
Verletzlichkeitskurven verlangt, unterschieden nach
❚ Versagenskriterien (Gebäudeverschiebungen, Ab-
fall der Eigenfrequenzen und der Steifigkeit),
❚ Erdbebenparametern (Peak ground accelerati-
on PGA, cumulative absolute velocitiy CAV, peak
ground spectral displacement PGD) und
❚ tolerierbaren Bauwerksschäden (leicht, mittel,
schwer).
Soll die Gebäudehülle nach einem Erdbeben noch
dicht bleiben, sind nur geringe Bauwerksschäden
akzeptabel. Gilt jedoch ausschliesslich die Zielset-
zung, einen Gebäudekollaps zu vermeiden, sind
schwere Schädigungen des Bauwerks zulässig. Je
geringer die akzeptierten Bauwerksschäden sind,
desto geringer sind die Erdbebeneinwirkungen,
die zu diesen Schadensbildern führen. Unter An-
nahme von schweren zulässigen Bauwerksschä-
den sind nachfolgend die Kurven für die Versa-
genswahrscheinlichkeiten in Abhängigkeit der ma-
ximalen Baugrundbeschleunigungen (Peak ground
acceleration PGA) dargestellt. Die Linien stellen die
Ergebnisse der Teams in Abhängigkeit verschie-
dener Versagenskriterien dar. Cas 1, Cas 4, Cas 7
sind Versagenskriterien, die sich auf maximal zu-
lässige horizontale Gebäudeverschiebungen be-
ziehen, Cas 10 und Cas 13 unterstellen als Versa-
genskriterium den Abfall der ersten beiden Eigen-
frequenzen respektive indirekt den Abfall der Ge-
bäudesteifigkeit.
Die von den Teams berechneten Verletzlichkeits-
kurven variieren stark. Abbildung 10 zeigt, dass die
Kurven nicht nur abhängig sind von den zulässigen
Gebäudeschäden, sondern insbesondere auch von
der Annahme der Versagenskriterien und der von
den Teams gewählten unterschiedlichen Berech-
nungsmethoden.
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